Wespe

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Als Wespen bezeichnet man im weiteren Sinne eine große, vielgestaltige Gruppe von Hautflüglern (Hymenoptera), die weder zu den Bienen noch zu den Ameisen zählen. Im engeren, alltäglichen Sinn meint „Wespe“ jedoch fast immer die sozialen Faltenwespen – und unter diesen vor allem die beiden Arten, die im Spätsommer an Kuchentellern und Limonadengläsern auftauchen. Tatsächlich ist die Vielfalt der Wespen enorm: Allein in Mitteleuropa leben Hunderte Arten, von denen die meisten dem Menschen nie begegnen, weil sie unauffällig und solitär leben. Dieser Artikel gibt einen Überblick über Systematik, Lebensweise, Nutzen und den richtigen Umgang mit Wespen.

Systematische Einordnung

„Wespe“ ist kein klar abgegrenzter biologischer Begriff, sondern eine Sammelbezeichnung. Aus stammesgeschichtlicher Sicht sind die Bienen sogar eine spezialisierte Untergruppe der Grabwespen – Bienen sind also gewissermaßen „Wespen, die zu Vegetariern wurden“ und ihren Nachwuchs mit Pollen statt mit erbeuteten Insekten füttern. Wenn im Alltag von Wespen die Rede ist, sind meist die Faltenwespen (Vespidae) gemeint, deren Flügel sich in Ruhe längs falten lassen. Innerhalb der Faltenwespen unterscheidet man:

  • Echte Wespen (Vespinae) – dazu gehören die staatenbildenden Kurzkopf- und Langkopfwespen sowie die Hornisse
  • Feldwespen (Polistinae) – schlanke, langbeinige soziale Wespen mit offenen Nestern, siehe Feldwespe
  • Solitäre Faltenwespen – etwa die Lehmwespen und Pillenwespen, die keinen Staat bilden

Daneben existiert ein riesiges Heer weiterer „Wespen“: Grabwespen, Wegwespen, Schlupfwespen, Gallwespen und viele mehr. Die meisten von ihnen sind klein, unauffällig und für den Menschen völlig harmlos – einige sind als Gegenspieler von Schädlingen sogar von großem wirtschaftlichem Nutzen.

Körperbau

Die typische soziale Wespe ist an ihrer kontrastreichen schwarz-gelben Warnfärbung (Aposematismus) erkennbar, die Fressfeinden signalisiert: „Vorsicht, wehrhaft“. Charakteristisch ist die ausgeprägte Wespentaille – die starke Einschnürung zwischen Brust und Hinterleib, die der Gruppe ihren sprichwörtlichen Namen gegeben hat. Im Gegensatz zur Honigbiene sind Wespen meist deutlich weniger behaart, wirken glatter und „glänzender“. Der Stachel ist – anders als bei der Biene – glatt und ohne Widerhaken; eine Wespe kann daher mehrfach stechen, ohne dabei zu sterben.

Die Unterscheidung von der Honigbiene fällt vielen Menschen schwer, ist aber im Streitfall (etwa bei der Frage, wer am Kuchen sitzt) relevant: Wespen sind glatter, kontrastreicher gelb-schwarz und interessieren sich für Süßes und Fleisch/Wurst; Honigbienen sind pelziger, bräunlicher und gehen nur an Süßes oder Blüten.

Lebenszyklus der sozialen Wespen

Soziale Wespenvölker sind – wie die der Hummelneinjährig. Der Jahreszyklus verläuft in mehreren Phasen:

  1. Frühjahr – Nestgründung: Eine einzelne, im Vorjahr begattete Jungkönigin überwintert geschützt (etwa in Totholz, Dachböden oder Erdhöhlen) und beginnt im April/Mai allein mit dem Nestbau. Sie legt die ersten Zellen an, legt Eier und versorgt die erste Generation Larven selbst.
  2. Frühsommer – Arbeiterinnen übernehmen: Aus der ersten Brut schlüpfen Arbeiterinnen, die fortan Nestbau, Brutpflege und Nahrungsbeschaffung übernehmen. Die Königin beschränkt sich nun aufs Eierlegen.
  3. Hochsommer – Wachstumsphase: Der Staat wächst rasch. Je nach Art umfasst ein Volk im Hochsommer einige hundert (Feldwespen) bis zu mehreren tausend Tiere (Kurzkopfwespen wie die Deutsche Wespe).
  4. Spätsommer – Geschlechtstiere: Nun werden Jungköniginnen und Männchen (Drohnen) aufgezogen. Nach dem Hochzeitsflug suchen die begatteten Jungköniginnen ein Winterquartier.
  5. Herbst – Zerfall: Das alte Volk löst sich auf, die alte Königin, die Arbeiterinnen und die Männchen sterben. Nur die jungen, begatteten Königinnen überleben den Winter und gründen im Folgejahr neue Völker.

Ein einmal aufgelöstes Nest wird nie wieder besiedelt – ein wichtiger Punkt für den Umgang mit Wespennestern am Haus, denn ein im Herbst verlassenes Nest stellt keine Gefahr mehr dar.

Nestbau aus Papier

Soziale Wespen sind die Erfinder des Papiers – lange vor dem Menschen. Sie raspeln mit ihren kräftigen Kiefern morsches Holz und Pflanzenfasern ab, vermengen sie mit Speichel und kauen daraus eine papierartige Masse. Aus diesem „Wespenpapier“ errichten sie ihre kunstvollen Waben und die schützende Nesthülle. Je nach Holzart und -herkunft erhalten die Nester eine charakteristische graue, beige oder bräunlich gebänderte Färbung.

Die Nistplätze unterscheiden sich nach Art: Manche Wespen bauen frei hängende Nester unter Dachvorsprüngen, in Schuppen oder auf Dachböden (Dunkelhöhlennister wie die Deutsche und die Gemeine Wespe), andere bevorzugen freie, oft offene Standorte in Hecken und Sträuchern. Die Hornisse nistet bevorzugt in Baumhöhlen und an geschützten Gebäudestellen.

Ernährung – warum Wespen im Spätsommer lästig werden

Das oft als aufdringlich empfundene Verhalten der Wespen erklärt sich aus ihrer zweigeteilten Ernährung. Die Larven im Nest sind Fleischfresser und werden mit eiweißreicher Nahrung versorgt – erbeuteten Insekten, aber auch Aas und beim Menschen mit Wurst, Fleisch und Fisch. Die erwachsenen Wespen dagegen brauchen vor allem Zucker als Energielieferant und gehen an Nektar, reifes Obst, Honigtau – und eben an Limonade, Kuchen und Eis.

Im Spätsommer spitzt sich die Lage zu: Die Brutaufzucht ist weitgehend abgeschlossen, das Volk ist auf seinem zahlenmäßigen Höhepunkt, und die Arbeiterinnen bekommen von den Larven keine zuckerhaltigen Belohnungssekrete mehr. Hungrig und auf Zuckersuche schwärmen sie nun aus – genau dann, wenn der Mensch im Garten sitzt. Nur zwei Arten sind dabei wirklich beteiligt (siehe unten); der überwiegende Teil der Wespen meidet den Menschen vollständig.

Die zwei „lästigen“ und die vielen harmlosen Arten

Ein verbreitetes Missverständnis: Es seien „die Wespen“ allgemein, die am Esstisch stören. Tatsächlich sind in Mitteleuropa praktisch nur zwei Arten für das lästige Verhalten verantwortlich:

Beide bilden große Völker und sind ausgesprochene Allesfresser, die menschliche Nahrung anfliegen. Alle übrigen heimischen sozialen Wespen – etwa die Sächsische Wespe, die Mittlere Wespe, die Feldwespe oder die Hornisse – gehen praktisch nie an den gedeckten Tisch. Sie ernähren sich von Insekten und Nektar und meiden den Menschen. Wer im Spätsommer von einer Wespe umschwirrt wird, hat es also fast immer mit einer der beiden Allerweltsarten zu tun.

Der Stich und seine Gefährlichkeit

Der Wespenstich ist schmerzhaft, für gesunde Menschen aber in aller Regel harmlos. Anders als bei der Honigbiene bleibt der Stachel nicht stecken; die Wespe kann ihn herausziehen und mehrfach zustechen. Lokale Reaktionen wie Schwellung, Rötung und Juckreiz sind normal und klingen nach einigen Stunden bis Tagen ab. Kühlung lindert die Beschwerden.

Ernst wird es in zwei Situationen. Erstens bei Stichen im Mund- und Rachenraum – etwa wenn eine Wespe versehentlich mitgetrunken wird; die Schwellung kann die Atemwege verlegen, hier ist sofort ärztliche Hilfe nötig (bis dahin Eis lutschen, kühlen). Zweitens bei einer Insektengiftallergie: Für die wenigen Betroffenen kann bereits ein einzelner Stich einen lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock auslösen. Allergiker sollten stets ein Notfallset bei sich tragen. Für alle anderen gilt: Der Stich ist unangenehm, aber ungefährlich.

Ökologischer Nutzen

Wespen haben einen schlechten Ruf, der ihrer ökologischen Bedeutung in keiner Weise gerecht wird. Sie sind hocheffiziente Insektenjäger: Ein einziges mittelgroßes Wespenvolk erbeutet im Lauf eines Sommers viele Kilogramm Insekten – darunter zahllose Fliegen, Mücken, Raupen und Blattläuse. Damit sind Wespen ein bedeutender natürlicher Schädlingsregulator in Gärten und in der Land- und Forstwirtschaft.

Daneben sind erwachsene Wespen, die Nektar und Pollen aufnehmen, auch Bestäuber – wenn auch weniger bedeutend als Bienen. Manche Pflanzen, etwa bestimmte Orchideen und der Efeu, werden gezielt von Wespen besucht. Schließlich sind Wespen selbst eine wichtige Nahrungsquelle für Vögel, etwa für den Wespenbussard, der gezielt ihre Nester ausgräbt.

Richtiger Umgang mit Wespen am Tisch

Im Umgang mit Wespen werden viele Fehler gemacht, die die Tiere erst recht aggressiv machen. Bewährt hat sich:

  • Ruhe bewahren – nicht schlagen, nicht pusten. Hektische Bewegungen und ausgeatmetes CO₂ werden als Angriff gewertet und provozieren Stiche.
  • Speisen und Getränke abdecken; Strohhalme verwenden und Gläser nicht offen stehen lassen (Verschluckgefahr).
  • Ablenkfütterung – ein Teller mit überreifen Trauben oder verdünntem Saft in einigen Metern Entfernung lenkt die Tiere vom Tisch weg.
  • Keine süßen Parfüms und keine grellen Blumenmuster bei Tisch.
  • Nach dem Essen Kindermünder und Hände reinigen.

Hausmittel wie zerdrückte Wespen (setzen Alarmpheromone frei und locken weitere an), das Verbrennen von Kaffeepulver oder das Aufstellen von Wasserschalen wirken kaum verlässlich. Am wirksamsten bleiben Abdecken und Ablenkung.

Wespennest am Haus – rechtliche Lage

Alle heimischen Wespen sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützt; ihre Nester dürfen nicht ohne Weiteres entfernt oder zerstört werden. Für die besonders geschützte Hornisse und einige seltene Arten gelten noch strengere Regeln – Verstöße können mit empfindlichen Bußgeldern geahndet werden. Wer ein Nest an einem problematischen Ort hat, sollte sich an die untere Naturschutzbehörde, einen Imkerverein oder einen Wespenberater wenden. Oft ist eine Umsiedlung möglich; in vielen Fällen ist aber die einfachste Lösung, das Nest bis zum Herbst zu tolerieren, da das Volk dann ohnehin von selbst abstirbt und das Nest nicht wiederbesiedelt wird.

Wespen und Imkerei

Für Imker sind Wespen ein zwiespältiges Thema. Im Spätsommer versuchen vor allem Deutsche und Gemeine Wespen, in schwache Bienenstöcke einzudringen, um Honig zu rauben und Bienenbrut zu erbeuten. Gesunde, starke Völker wehren einzelne Wespen problemlos ab; geschwächte Völker können jedoch ernsthaft bedrängt werden. Imker helfen durch das Verengen der Fluglöcher, sodass die Bienen den Eingang besser verteidigen können. Die größere Hornisse erbeutet ebenfalls einzelne Bienen, richtet aber an gesunden Völkern selten ernsthaften Schaden an. Eine neue, deutlich größere Bedrohung stellt die invasive Asiatische Hornisse dar.

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