Invertzucker ist Saccharose – also gewöhnlicher Haushaltszucker (Rüben- oder Rohrzucker) – dessen Doppelmolekül durch Enzyme oder Säuren in seine Bausteine Glucose (Traubenzucker) und Fructose (Fruchtzucker) aufgespalten wurde. In der Imkerei ist Invertzucker als Wintereinfütterung praktisch unverzichtbar geworden, weil er den Bienen die Verdauungsarbeit erspart und damit ihre Lebensleistung in der kalten Jahreshälfte schont.
Was die Inversion chemisch bedeutet
Saccharose ist ein Zweifachzucker (Disaccharid): ein Glucose-Molekül und ein Fructose-Molekül sind über eine glykosidische Bindung verknüpft. Damit der Körper diese Verbindung verwerten kann, muss er sie zuvor mit dem Enzym Invertase aufspalten – ein Vorgang, den Bienen normalerweise selbst in der Honigblase erledigen.
Beim industriell hergestellten Invertzucker passiert diese Spaltung bereits im Werk. Das Produkt ist eine zähflüssige, durchscheinende Lösung mit etwa 70–75 % Trockenmasse, die optisch und in der Verarbeitung an Honig erinnert, aber keiner ist.
Warum Invertzucker als Winterfutter?
Bienen können Saccharose verarbeiten – sie sterben nicht daran. Aber:
- Energieaufwand: Die Inversion durch körpereigene Invertase kostet Energie und verkürzt die Lebenszeit der Winterbienen
- Wassergehalt: Reine Zuckersirup-Lösungen müssen die Bienen erst eindicken, bevor sie sie in den Waben verdeckeln können. Invertzucker ist bereits dick genug
- Schnelle Aufnahme: Bei der Spätsommer-Auffütterung muss das Futter zügig eingelagert sein, bevor die Bienen ins Winterquartier gehen. Invertzucker wird deutlich schneller angenommen und eingelagert als normaler Zuckersirup
- Lange Lagerstabilität in der Wabe: Anders als Honig kristallisiert Invertzucker in der Wabe nicht so leicht aus
Aus diesen Gründen ist Invertzucker in der modernen Berufsimkerei und auch bei vielen Hobbyimkern zur Standard-Wintereinfütterung geworden.
Bekannte Produkte
Im deutschsprachigen Imkereihandel sind mehrere Markenprodukte etabliert:
- Apifonda – Teigfutter mit hohem Invertzucker-Anteil, in Kunststofftüten gepackt
- Apiinvert – flüssiger Invertzucker, klassisches Wintereinfütterungs-Produkt
- Ambrosia – ebenfalls flüssig, sehr ähnlich
- Imkerfutter / Bienenfutter als generische Bezeichnung
- Einige Brauereien und Hersteller liefern Invertzucker in größeren Gebinden
Alle haben einen Trockenmasseanteil von etwa 70–75 %, der den Bienen die Eindickungsarbeit weitgehend erspart.
Verwendung am Bienenstand
Die Wintereinfütterung beginnt typischerweise direkt nach der letzten Honigernte (Ende Juli / Anfang August) und endet rechtzeitig vor dem ersten Frost, damit alle Wabengassen verdeckelt sind:
- Menge: 12–18 kg Futter pro Volk, je nach Volksstärke und regionalem Klima
- Gabe: in Portionen über mehrere Wochen, nicht alles auf einmal (Verschmierungsgefahr, Räubereianreiz)
- Behälter: Futterzargen über der Brutraumzarge, oft mit Schwimmern gegen Ertrinken
- Hygiene: nach Einbruch der Dunkelheit füttern, um Räuberei aus anderen Völkern zu verhindern
Invertzucker und Honigqualität
Eine wichtige Abgrenzung: Invertzucker ist kein Honig und darf nicht als solcher verkauft werden. Wer als Imker erntet, schleudert vor der Wintereinfütterung den letzten Honig ab. Was später als „Honig“ verkauft wird, kommt aus der Frühjahrs- und Sommertracht – nicht aus dem Wintervorrat, der Invertzucker oder Zuckersirup enthielt.
Honigverfälschung mit Invertzucker ist nach der Honigverordnung verboten und kann bei Nachweis (zum Beispiel über die Kohlenstoff-Isotopen-Analyse, die zwischen Bienen-erzeugtem und industriell hergestelltem Zucker unterscheidet) zur Beanstandung führen.
Alternativen
Wer aus prinzipiellen oder ökologischen Gründen auf Invertzucker verzichten möchte, hat zwei Hauptalternativen:
- Zuckerwasser im Verhältnis 3:2 (Zucker : Wasser) – günstiger, aber arbeitsaufwendiger für die Bienen
- Honig im Volk lassen – die ursprünglichste Methode; benötigt allerdings genug Honigreserven aus der Sommertracht
Beide haben ihren Platz; die Wahl ist eine Frage von Betriebsphilosophie und Volksstärke.