Bruder Adam (bürgerlich Karl Kehrle, geboren am 3. August 1898 in Mittelbiberach bei Biberach an der Riß; gestorben am 1. September 1996 in Buckfast, England) war ein deutsch-britischer Benediktinermönch und einer der bedeutendsten Bienenzüchter des 20. Jahrhunderts. Er gilt als Schöpfer der Buckfast-Biene, einer der weltweit verbreitetsten und erfolgreichsten Zuchtformen der Westlichen Honigbiene. Sein Lebenswerk in der Abtei Buckfast prägt die moderne Bienenzucht bis heute.
Jugend und Weg ins Kloster
Karl Kehrle wuchs in einfachen Verhältnissen im oberschwäbischen Mittelbiberach auf. Im Alter von elf Jahren wurde er 1910 von seiner Mutter zur Erziehung in die Benediktinerabtei Buckfast im englischen Devon geschickt – eine Abtei, die damals von vertriebenen französischen und teils deutschen Mönchen wiederaufgebaut wurde. Aus gesundheitlichen Gründen (er galt als zu schwach für die schwere Bauarbeit) wurde der junge Kehrle der Klosterimkerei zugeteilt. Dort begann unter Anleitung des damaligen Imkers seine lebenslange Beschäftigung mit den Bienen. 1915 trat er als Novize in den Orden ein und erhielt den Klosternamen Adam; 1922 wurde er zum Priester geweiht.
Die Tracheenmilben-Katastrophe als Auslöser
Der entscheidende Anstoß für Bruder Adams Zuchtarbeit war eine verheerende Epidemie. Zwischen etwa 1905 und 1920 raffte die Tracheenmilbe – im englischen Sprachraum als „Isle of Wight disease“ bekannt – einen Großteil der britischen Bienenvölker dahin. Besonders betroffen war die einheimische Dunkle Europäische Biene. Auch in Buckfast starben zahlreiche Völker; überlebt hatten vor allem Kreuzungen mit der eingeführten italienischen Ligustica, die sich als widerstandsfähiger erwiesen.
Diese Beobachtung brachte Bruder Adam auf die Idee, durch gezielte Kreuzung verschiedener Bienenrassen eine Biene zu schaffen, die die besten Eigenschaften vereint: Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten, Sanftmut, Fleiß, geringe Schwarmneigung und hohen Ertrag. 1925 übernahm er die alleinige Leitung der Klosterimkerei und begann mit seinem systematischen Zuchtprogramm.
Die Entstehung der Buckfast-Biene
Bruder Adams Methode war die Kombinationszüchtung: Er kreuzte gezielt unterschiedliche Unterarten und Linien der Westlichen Honigbiene und verfestigte die gewünschten Eigenschaften über viele Generationen. Eine zentrale Rolle spielte dabei die abgelegene Belegstelle auf dem Dartmoor, wo er durch die isolierte Lage eine kontrollierte Anpaarung sicherstellen konnte – nur die von ihm ausgewählten Drohnenvölker standen dort.
Das Ergebnis war die Buckfast-Biene: keine natürliche Rasse, sondern eine planmäßig geschaffene Zuchtbiene, die für ihre Sanftmut, ihren hohen Honigertrag, ihre geringe Schwarmneigung und ihre Vitalität geschätzt wird. Sie wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts weltweit verbreitet und ist neben der Carnica bis heute eine der beiden wichtigsten imkerlichen Bienen in Deutschland.
Die Forschungsreisen
Um immer neues genetisches Material für seine Zucht zu gewinnen, unternahm Bruder Adam ab den 1950er Jahren ausgedehnte Forschungsreisen in die Ursprungsgebiete der Honigbiene. Über Jahrzehnte bereiste er den Mittelmeerraum, den Nahen Osten und Afrika – von Griechenland und der Türkei über Ägypten bis nach Marokko, vom Atlasgebirge bis zum Kilimandscharo. Er suchte abgelegene, von der modernen Imkerei unberührte Regionen auf, um dort ursprüngliche, reine Bienenrassen zu finden und Zuchtmaterial nach Buckfast zu bringen.
Diese Reisen, die er teils noch im hohen Alter unternahm, dokumentierte er sorgfältig. Seine Aufzeichnungen über die verschiedenen Bienenrassen und ihre Eigenschaften sind bis heute eine wertvolle Quelle für die Bienenkunde.
Werk und Schriften
Bruder Adam hielt seine Erfahrungen und Erkenntnisse in mehreren grundlegenden Werken fest, die zu Standardwerken der Bienenzucht wurden. Dazu gehören vor allem seine Bücher über die Zuchtmethoden in Buckfast und über seine Suche nach den Bienenrassen des Mittelmeerraums und des Orients. In ihnen legte er sowohl seine praktische Zuchtphilosophie als auch seine Beobachtungen zur Biologie und Geografie der Honigbienenrassen dar. Seine Schriften zeichnen sich durch genaue Beobachtung, methodische Strenge und eine tiefe Vertrautheit mit dem Wesen der Bienen aus.
Lebensabend und Bedeutung
Bruder Adam leitete die Klosterimkerei von Buckfast über sechs Jahrzehnte. Erst in den frühen 1990er Jahren, hochbetagt, zog er sich aus der aktiven Arbeit zurück. Er starb 1996 im Alter von 98 Jahren in Buckfast. Für seine Verdienste wurde er vielfach geehrt, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und Ehrungen aus der internationalen imkerlichen Gemeinschaft.
Sein Vermächtnis lebt in der Buckfast-Biene und in den zahlreichen Zuchtgemeinschaften fort, die seine Methode der kontrollierten Kombinationszüchtung bis heute weiterführen. Bruder Adam gilt als Inbegriff des wissenschaftlich arbeitenden Praktikers, der Geduld, Beobachtungsgabe und systematisches Vorgehen über ein langes Leben hinweg zu einem bleibenden Beitrag zur Imkerei verband.