Johann Dzierzon

Johann Dzierzon (auch Jan Dzierżon; geboren am 16. Januar 1811 in Lowkowitz/Łowkowice in Oberschlesien; gestorben am 26. Oktober 1906 ebenda) war ein katholischer Pfarrer und Bienenforscher, der als einer der bedeutendsten Begründer der wissenschaftlichen Bienenkunde gilt. Seine Entdeckung der Jungfernzeugung (Parthenogenese) bei den Drohnen und die Entwicklung der beweglichen Wabe machten ihn zu einer Schlüsselfigur der Imkereigeschichte. Er wird oft als „Vater der modernen Bienenzucht“ bezeichnet.

Leben

Dzierzon stammte aus einer polnischsprachigen Bauernfamilie im damals preußischen Oberschlesien. Er studierte katholische Theologie in Breslau und wurde 1834 zum Priester geweiht. Den größten Teil seines Lebens wirkte er als Pfarrer in Karlsmarkt (Karłowice) in Schlesien. Neben seinem geistlichen Amt widmete er sich mit großer wissenschaftlicher Sorgfalt der Erforschung der Honigbienen und betrieb eine umfangreiche Imkerei mit zeitweise mehreren hundert Völkern.

Dzierzon verstand sich zeit seines Lebens sowohl der deutschen als auch der polnischen Kultur zugehörig – ein Umstand, der dazu führt, dass er heute in beiden Ländern als bedeutender Wissenschaftler geehrt wird. Seine späten Jahre verbrachte er nach Konflikten mit der Kirche zurückgezogen in seinem Geburtsort, wo er hochbetagt im Alter von 95 Jahren starb.

Die Entdeckung der Parthenogenese

Dzierzons bedeutendste wissenschaftliche Leistung war die Aufklärung der Fortpflanzung im Bienenvolk. 1845 formulierte er die nach ihm benannte Dzierzon-Theorie: Er erkannte, dass aus unbefruchteten Eiern die männlichen Drohnen entstehen, während aus befruchteten Eiern Arbeiterinnen und Königinnen hervorgehen. Die Drohnen entstehen also durch Jungfernzeugung (Parthenogenese) und besitzen keinen Vater – eine zu seiner Zeit revolutionäre und heftig umstrittene Erkenntnis.

Diese Theorie war nicht nur für die Bienenkunde von Bedeutung, sondern lieferte auch einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Vererbungslehre und Biologie. Sie wurde später durch mikroskopische Untersuchungen bestätigt und gilt heute als gesichertes Grundwissen der Bienenbiologie. Dzierzon erkannte außerdem die Rolle der Königin als alleinige Eierlegerin und klärte zahlreiche weitere Fragen zur Biologie des Bienenvolkes.

Die bewegliche Wabe

Unabhängig von der Entwicklung in Amerika arbeitete auch Dzierzon am Problem der festverbauten Waben. Bereits 1838 entwickelte er eine Beute mit beweglichen Waben, bei der die Waben auf einzelnen Oberträgern (Leisten) gebaut wurden und sich von oben entnehmen ließen. Damit gehörte er zu den Pionieren der beweglichen Wabe – einer der wichtigsten Voraussetzungen der modernen Imkerei.

Dzierzons System der Oberträger (Stäbchenbau) wurde später durch das von August von Berlepsch in Deutschland zum vollständig umrahmten, allseits beweglichen Rähmchen weiterentwickelt. Gemeinsam mit Langstroths Entdeckung des Bienenabstands bildete dies die Grundlage der heutigen Beutentechnik. Dzierzon und Berlepsch stehen damit am Beginn der mitteleuropäischen Mobilbau-Imkerei.

Schriften und Wirkung

Dzierzon veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und mehrere grundlegende Bücher zur Bienenzucht, die in viele Sprachen übersetzt wurden und seine Erkenntnisse international verbreiteten. Er stand in regem Austausch mit anderen Bienenforschern seiner Zeit und prägte die imkerliche Fachdiskussion des 19. Jahrhunderts maßgeblich. Seine Beobachtungen verbanden, ähnlich wie bei Langstroth, exakte wissenschaftliche Methodik mit praktischer Erfahrung.

Für seine Verdienste erhielt Dzierzon zu Lebzeiten zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen aus ganz Europa. Heute tragen Schulen, Institute und Vereine in Deutschland und Polen seinen Namen, und er gilt in der Geschichte der Bienenkunde als eine der ganz großen Gestalten des 19. Jahrhunderts.

Siehe auch