Die Gemeine Wespe (Vespula vulgaris) ist – neben der Deutschen Wespe – die zweite der beiden Wespenarten, die im Spätsommer regelmäßig an menschliche Nahrung gehen. Beide Arten sind sich in Aussehen und Verhalten so ähnlich, dass sie im Alltag kaum auseinanderzuhalten sind und gemeinsam für nahezu alle Begegnungen am Kaffeetisch verantwortlich zeichnen. Die Gemeine Wespe ist eine der häufigsten und anpassungsfähigsten Wespen Europas.
Aussehen und Bestimmung
Wie die Deutsche Wespe ist die Gemeine Wespe eine mittelgroße Kurzkopfwespe mit kräftig schwarz-gelber Zeichnung. Arbeiterinnen erreichen 12 bis 17 mm, Königinnen bis 20 mm. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zur Deutschen Wespe liegt in der Zeichnung des Kopfschilds (Clypeus):
- Gemeine Wespe – durchgehender schwarzer Längsstrich, der oft an einen Anker oder eine Pinselzeichnung erinnert
- Deutsche Wespe – meist drei einzelne schwarze Punkte
Diese Merkmale sind allerdings variabel, sodass selbst Fachleute im Einzelfall genau hinschauen müssen. Für den Umgang spielt die Unterscheidung keine Rolle: Beide Arten verhalten sich identisch.
Lebensweise und Nest
Auch die Gemeine Wespe ist eine Dunkelhöhlennisterin. Sie baut ihre Nester an geschützten, dunklen Orten – im Erdreich (oft in verlassenen Nagerbauten), in Hohlräumen von Gebäuden, auf Dachböden, in Schuppen und Rollladenkästen. Das Nest besteht aus grauem „Wespenpapier“ aus zerkautem Holz und wird im Lauf der Saison stetig erweitert.
Der Lebenszyklus ist einjährig: Eine überwinterte Königin gründet im Frühjahr das Nest, zieht die ersten Arbeiterinnen auf und überlässt diesen dann die weitere Arbeit. Im Hochsommer erreicht das Volk seine maximale Größe von mehreren tausend Tieren. Im Herbst löst es sich auf, und nur die begatteten Jungköniginnen überdauern den Winter, um im Folgejahr neue Völker zu gründen. Ein verlassenes Nest wird nie wiederbesiedelt.
Ernährung
Wie ihre Schwesterart ist die Gemeine Wespe ein Allesfresser. Die Larven werden mit eiweißreicher Nahrung gefüttert – Insekten, Aas und proteinhaltigen Lebensmitteln des Menschen. Die erwachsenen Tiere brauchen Zucker und gehen an Fallobst, Nektar, Honigtau und alles Süße auf dem Tisch. Diese Doppelorientierung – herzhaft und süß – erklärt, warum die Gemeine Wespe sowohl am Grillteller als auch am Kuchen auftaucht.
Wie bei der Deutschen Wespe spitzt sich ihr Verhalten im Spätsommer zu, wenn das Volk auf seinem Höhepunkt ist und die Arbeiterinnen mangels Brut keine zuckerhaltigen Larvensekrete mehr erhalten. Dann beginnt die intensive Suche nach Zuckerquellen, die die Tiere zum Menschen führt.
Nutzen und ökologische Rolle
Die Gemeine Wespe ist trotz ihrer Aufdringlichkeit ein bedeutender Nützling. Als Insektenjägerin reguliert sie auf natürliche Weise die Bestände vieler Insekten, darunter zahlreiche als Schädlinge geltende Arten. Ein einzelnes Volk vertilgt im Lauf eines Sommers mehrere Kilogramm Insekten. Außerdem trägt sie als Blütenbesucherin in geringem Umfang zur Bestäubung bei und ist Teil des Nahrungsnetzes für Vögel und andere Tiere.
Umgang und rechtlicher Schutz
Wie alle heimischen Wespen ist auch die Gemeine Wespe nach dem Bundesnaturschutzgesetz geschützt und darf nicht ohne vernünftigen Grund getötet oder ihr Nest mutwillig zerstört werden. Für den entspannten Umgang am Tisch gelten dieselben Empfehlungen wie bei der Deutschen Wespe: nicht hektisch reagieren, nicht nach den Tieren schlagen oder pusten, Speisen und Getränke abdecken, Strohhalme nutzen und durch eine Ablenkfütterung mit überreifem Obst in einigen Metern Abstand die Tiere vom Esstisch weglocken. Bei einem störenden Nest hilft die Naturschutzbehörde oder ein Wespenberater weiter; oft ist Abwarten bis zum natürlichen Absterben im Herbst die beste Lösung.