Wesensgemäße Bienenhaltung

Aus Bienen- / Imker-Wiki
Wechseln zu:Navigation, Suche

Wesensgemäße Bienenhaltung ist eine Form der Bienenhaltung, welche sich an den natürlichen Bedürfnissen des Bienenvolks orientiert. Sie geht von der Erkenntnis aus, dass das Bienenvolk einschließlich seiner Waben ein Organismus ist, und respektiert den Bien als ein Ganzes. Das drückt sich insbesondere in der Wahrung der Integrität des Brutnestes, Naturwabenbau und Vermehrung über den Schwarmtrieb aus. Das Konzept der wesensgemäßen Bienenhaltung wurde vom Verein Mellifera e. V. maßgeblich entwickelt und ist auch Grundlage der Demeter-Richtlinien[1] zur Bienenhaltung.

Ursprung

Ende des 19. Jahrhunderts waren imkerliche Techniken wie Mobilbau, Mittelwände und die künstliche Königinnenzucht bereits entwickelt. Sie standen im Wettstreit mit traditionellen Betriebsweisen im Stabilbau, bei dem die Naturwaben fest an der Bienenbeute angebaut waren. In dieser Zeit wirkten zwei Denker und Forscher, welche sich um eine ganzheitliche Art der Bienenhaltung bemühten. Ferdinand Gerstung war Imker und Pfarrer. Er führte den Begriff des Biens in die Bienenwissenschaften ein. Der Begriff Bien als Ein-Wesen stammt von Johannes Mehring, Gerstung erweiterte ihn zum Bien als organisches Ganzes. Er verglich ihn mit einem Wirbeltier und schilderte wie Bienenkönigin, Drohnen und Arbeiterinnen nur als Organe des Biens zu verstehen sind.

Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, hielt 1923 eine Reihe von Vorträgen über das Wesen der Bienen. Seine Ausführungen standen in enger Beziehung zu seinen anderen natur- und menschenkundlichen Studien. Er verglich Prozesse im Bienenstock mit Prozessen im menschlichen Kopf, interpretierte das Schwarmgeschehen wie das Sterben eines Menschen und das Einziehen des Schwarms in eine neue Behausung mit der Geburt des Biens. Den Wabenbau bezeichnete er als Skelett, vergleichbar den Knochen des Menschen. Die Königin beschrieb Steiner als Organ der inneren Einheit des Bienenvolks. Daraus zog er den Schluss, dass die mechanische Bienenhaltung, bei der neue Königinnen künstlich gezüchtet und nach belieben in Völker eingesetzt werden, im Laufe von 60 bis 100 Jahren zu einer existenziellen Schwächung der Bienengesundheit und sogar dem Verschwinden der Bienen führen müsse [2].

Entstehung

Ende der 1970er Jahre breitete sich die Varroamilbe in Deutschland aus und führte zu ersten großen Bienenvölkerverlusten. In Süddeutschland begannen sich einige Imker vor dem Hintergrund der Vorträge Rudolf Steiners die Grundlagen der wesensgemäßen Bienenhaltung auszuarbeiten. 1986 gründeten sie die Vereinigung für wesensgemäße Bienenhaltung, die später in Mellifera e. V. umbenannt wurde. Für die Vereinsgründer war klar, dass die herkömmlichen Formen der Imkerei überdacht werden mussten. Ihnen ging es nicht nur um die Entwicklung einer ökologischen Behandlungsmethode gegen die Varroamilbe, sondern es sollten auch nachhaltige imkerliche Betriebsweisen entworfen werden, um langfristig die Gesundheit der Bienen zu stärken [3][4].

Aspekte einer wesensgemäßen Bienenhaltung

Schwarmtrieb

Ein Bienenschwarm

Die Vermehrung über den Schwarmtrieb gehört zu den zentralen Gesichtspunkten der wesensgemäßen Bienenhaltung. Der Schwarmtrieb ist die einzige Art, über die sich Bienenvölker natürlicherweise vermehren. Er ist ein Ausdruck von Vitalität, es gibt viele Bienen, viel Brut und viele Vorräte im Volk. Beim Schwärmen verlässt die alte Königin mit einem Teil der Arbeiterinnen den Bienenstock. Sowohl im alten wie im neu entstehenden Bienenvolk kommt es infolge des Schwärmens zu einer Brutunterbrechung. Der Schwarmakt dient zudem der Reinigung und ist eine natürliche Krankheitsvorsorge. Durch die mit dem Schwarmakt verbundene Brutunterbrechung werden bakterielle Erkrankungen wie Faulbrut und Sauerbrut reduziert [5][6] und auch die Belastung mit der Varroamilbe wird vermindert[7][8].

Königinnenzucht

In der wesensgemäßen Bienenhaltung wird auf die gängige Praxis der Königinnenzucht verzichtet. Die Bienenköniginnen paaren sich während des Hochzeitsfluges mit beliebigen Drohnen (Standbegattung). So passen sich die Bienenvölker mit ihren Königinnen im Laufe der Generationen an den Standort an [9]. Dies erhöht die genetische Vielfalt und umso größer ist die Vitalität der Bienenvölker[10]. Aktuelle Studien zeigen, dass sich die Einflüsse der Standbegattung positiv auf die Volksstärke beim Einwintern auswirken, die Brutnester größer sind, die Bienen weiter entfernte Nektarquellen anfliegen und im Bienenstock die Resistenz gegenüber Infektionskrankheiten höher ist [11].

Naturwabenbau

Bienen beim Wabenbau

In der wesensgemäßen Bienenhaltung wird die Integrität des Biens so weit wie möglich geachtet und das Bienenvolk kann seine Waben selbst bauen. Die Waben haben viele wichtige Funktionen im Bienenvolk. In den Zellen der Waben wird die Brut herangezogen, sie garantieren somit den Fortbestand des Volkes. Sie dienen als Speicher für Honig- und Pollenvorräte und auf ihnen sind Tanzböden markiert, auf denen die Kommunikation der Bienen durch Schwänzel-, Sichel- und Rundtänze stattfindet. Der Wabenbau wurde im Laufe der Evolution über viele Millionen Jahre perfektioniert. Für die Volksgesundheit sind Wachsschwitzen und Wabenbauen zudem wichtige hygienische Maßnahmen. Hierbei sind positive Effekte bei Faul- [12] und Sauerbrut nachgewiesen.

Haltung

Wesensgemäße Bienenhaltung ist jedoch nicht nur eine Frage der Betriebsweise, sondern auch der ethischen Haltung des Imkers. Sie betrifft die Wahrnehmung des Biens als ein Organismus, mit welchem der Imker respektvoll und offenherzig umgeht. Er ist bereit sich auf eine Beziehung mit seinem Bienenvolk einzulassen, die beide – Mensch und Bien – verändert.

Literatur

  • Günter Friedmann: "Bienengemäß imkern: Das Praxis-Handbuch." BLV Buchverlag, München 2016, ISBN 978-3-835415-44-7.
  • Ferdinand Gerstung: "Der Bien und seine Zucht." Fachbuchverlag-Dresden, Dresden 2015, ISBN 978-3-956920-25-7.
  • David Heaf: The Bee-friendly Beekeeper. Northern Bee Books, Hebden Bridge 2011, ISBN 978-1-904846-60-4.
  • Erhard Maria Klein: Wesensgemäße Bienenhaltung in der Bienenkiste. Pala-Verlag, Darmstadt 2016, ISBN 978-3-89566-341-3.
  • Martin Ott, Martin Dettli, Philip Rohner: Bienen verstehen: Der Weg durchs Nadelöhr. FonaVerlag, Lenzburg (CH) 2015. ISBN 978-3-03781-056-9.
  • Wolfgang Ritter: Bienen naturgemäß halten: Der Weg zur Bio-Imkerei. Ulmer Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-8001-3995-8.
  • Thomas D. Seeley: Bienendemokratie: Wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015, ISBN 978-3-596-19407-0.
  • Michael Weiler: Der Mensch und die Bienen" Betrachtungen zu den Lebensäußerungen des Bien. Verlag Lebendige Erde, Darmstadt 2000, ISBN 978-3-921536-60-5.
  • Johannes Wirz: Bienen verstehen, wesensgemäß imkern. In: Elemente der Naturwissenschaft Nr. 101, 2014, Vorlage:ISSN. S. 92- 113

Weblinks

Einzelnachweise

  1. "Demeter-Richtlinie zur Bienenhaltung und für Imkereierzeugnisse Webseite des Demeter e. V.. Abgerufen am 31. Juli 2017
  2. Martin Dettli (Hrsg.), Rudolf Steiner (Autor): " Die Welt der Bienen." Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2014, ISBN 978-3-7274-5384-7
  3. Thomas Radetzki: "Von der hohen Bedeutung der Bienen." In: "Lebendige Erde" Nr. 3, 1986, Vorlage:ISSN. S.118-122
  4. Johannes Wirz: Bienen verstehen, wesensgemäß imkern. In: Elemente der Naturwissenschaft Nr. 101, 2014, Vorlage:ISSN. S. 92- 113.
  5. Thomas Amsler, Jean-Daniel Charrière, Martin Dettli: Jungvolkbildung als Mittel zur Sauerbrutprävention? In: Schweizerische Bienen-Zeitung Nr. 4, 2013, Vorlage:ISSN. S. 23-25.
  6. Ingemar Fries, Scott Camazine: Implications of horizontal and vertical pathogen transmission for honey bee epidemiology In: Apidologie. Nr. 32, 2001, Vorlage:ISSN. S. 199-214.
  7. Ingemar Fries, Henrik Hansen, Anton Imdorf, Peter Rosenkranz: Swarming in honey bees (Apis mellifera) and Varroa destructor population development in Sweden. In: Apidologie. Nr. 34, 2003. Vorlage:ISSN. S. 389-397.
  8. Jerzy Wilde, Stefan Fuchs, Janusz Bratkowski: "Distribution of Varroa destructor between swarms and colonies." In: "Journal of Apicultural Research" Nr. 44(4), 2005. S. 190-194.
  9. Heather R. Mattila, Thomas D. Seeley: "Extreme polyandry improves a honey bee colony’s ability to track dynamic foraging opportunities via greater activity of inspecting bees." In: "Apidologie" Nr. 45, 2014, Vorlage:ISSN. S. 347-363
  10. David R. Tarpy, Dennis van Engelsdorf, Jeffery Pettis: "Genetic diversity affects colony survivorship in commercial honey bee colonies. In: "Naturwissenschaften" Nr. 100, 2013. S. 723-726.
  11. Ralph Büchler et al: "The influence of genetic origin and its interaction with environmental effects on the survival of Apis mellifera L. colonies in Europe." In: "Journal of Apicultural Research" Nr. 53, 2014. S. 205-214.
  12. Muhamad Munawar, Shazia Raja, Elizabeth S. Waghchoure, Muhammad Barkat: Controlling American Foulbrood in honeybees by shook swarm method. In: Pakistan Journal of Agricultural Research. Nr. 1-2, 2010. S. 53-58.